Christoph Hennig: TOSKANA (Oase Verlag 1991/92) S.308 ... 311

Der Deutsche

Die Steingebäude des großen Gehöfts stehen in Ölbaumhainen unterhalb von Volterra, inmitten des jahrhundertealten Anwesens erhebt sich noch die kleine restaurierte Kapelle. Zypressen markieren die Grundstücksgrenze, ein riesiger Fliederbusch leuchtet mit violetten Dolden an der Hauswand, im Gemüsegarten gedeihen Artischocken und Bohnen. Volker Piasta, aus Berlin stammender Elektronik-Ingenieur, bespricht mit zwei Bauern die Pflanzung neuer Olivenbäume. Wenn er den Blick abwendet von den Gesichtern der beiden und sich zum Tal umdreht, hat er ein Postkarten-Panorama vor Augen: die endlosen Reihen der Hügelketten in frischem Frühlingsgrün, davor seinen schmucken Besitz: das große Landhaus, in dem er seit 7 Jahren lebt.

'Wie ich hierher gekommen bin? Ich wohnte in Berlin, war Computerfachmann, und irgendwann wurden mir der Streß, der Lärm, die ewigen Geschäftsreisen, das sinnlose Eingesperrt-Sein einfach zu viel. Die ganze Großstadt gefiel mir nicht mehr: zu viele Häuser, zu viele Menschen ... Aber ich habe nicht gezielt geplant, in die Toskana zu ziehen. Es ergab sich fast unabsichtlich. Ich suchte einen Ferienwohnsitz, ein kleines preiswertes Häuschen - auf keinen Fall ein so großes Anwesen wie dieses hier. Dann bin ich zufällig auf das Gehöft gestoßen, es war völlig verfallen und eigentlich viel zu teuer für mich - aber ich wußte sofort: Das ist es! Was sich daraus entwickeln würde, habe ich damals nicht geahnt. Ich dachte weiter an eine Ferienwohnung, wollte das Haus allmählich von Berlin aus renovieren. Doch mir wurde bald klar: Das ist eine halbe Sache. Ich habe mich entschlossen, ganz in die Toskana zu ziehen. Mit manchen Illusionen ... Ich bin mit meiner damaligen Freundin hergekommen - die Beziehung hielt in der neuen Situation nur noch einige Monate. Wir wollten von der Landwirtschaft leben - völlig unmöglich, nicht umsonst betreiben selbst die Einheimischen die Landwirtschaft meist nur noch als Nebenerwerb. So habe ich zunächst mit Reiseführungen Geld verdient, daneben die ersten Zimmer ausgebaut und einige Gäste untergebracht. Es kamen Freunde und Bekannte aus Berlin, aber bald sprach sich die Sache herum und ich konnte die 'Vermietung professioneller aufziehen."

Er hat sich eine Traum-Umgebung geschaffen. Die Toskana-Idylle scheint perfekt: die Aussicht auf Zypressen und Schafherden, der sanfte Schimmer der Ölbäume, die rustikale Harmonie der Wohngebäude. Ein paar Gäste ziehen über den Vorplatz, grüßen, verschwinden um die Ecke in ihre Unterkünfte. Volker lebt heute im wesentlichen von der Vermietung der Zimmer und Wohnungen, die er in mehrjähriger Arbeit restauriert hat. Die Kunden werden meist durch Mundpropaganda aufmerksam. Die Landwirtschaft ist zur Nebenbeschäftigung geworden, allerdings nicht zur Nebensache: Gerade plant er die Neupflanzung von tausend Ölbäumen. Ökonomisch läuft das Unternehmen zufriedenstellend, aber das ist nicht der Hauptpunkt, wie der Ingenieur betont.

'Vom wirtschaftlichen Kalkül her gesehen, hätte ich natürlich in Berlin bleiben müssen - in der Industrie verdiente ich wesentlich mehr als hier. Das Haus hat mich ###.### DM gekostet, aber wenn ich Renovierungskosten und vor allem die eigene Arbeitszeit berechne, habe ich ein Vielfaches davon hineingesteckt. Mindestens 5 Jahre waren eine harte Durststrecke, und heute lebe ich keineswegs in großem Wohlstand. Das Ganze ist natürlich kein großes Geschäft. Aber darum geht es ja gar nicht. Was ich wollte, war das Leben in dieser Ruhe, in dieser Natur, aber auch die persönliche Herausforderung - eine ganz andere Herausforderung als damals in Berlin, wo man schließlich in Routine erstickt.'

Warum hat Volker sich gerade in der Toskana niedergelassen wie so viele andere Aussiedler und Aussteiger? Es hätte auch die Bretagne sein können, meint er - aber da seien ihm letzten Endes die Menschen zu verschlossen gewesen.

'Und in Deutschland finden Sie diese Harmonie der Landschaft nicht mehr. Manchmal habe ich da das Gefühl, das ganze Land wird zur Großstadt. Das Klima hat natürlich auch eine Rolle gespielt, aber nicht die entscheidende: Die Winter können hier manchmal ziemlich kalt sein! Zudem gefällt mir, daß die Menschen offener, geselliger sind ...."

"Theater und Kino vermisse ich in keiner Weise. So etwas wie Zerstreuung braucht man doch nicht in dieser Art von Leben. Es gibt immer so viel zu tun - und zugleich in dieser Gegend so viel Kultur. Ob ich mir nun einen Van Gogh in der Kunsthalle anschaue oder einen unbekannten Maler in einer Dorfkirche, beides kann doch gleichermaßen anregend sein."

Gibt es etwas, was schlecht läuft in dieser Idylle, diesem scheinbar völlig geglückten Aussteiger-Traum? "Das Hauptargument gegen Italien ist die Bürokratie. Man kann sich kaum vorstellen, wieviel Zeit ich mit endlosen Telefonaten verbringe und damit, mich um irgendwelche Anträge zu kümmern. Da muß man Baugenehmigungen bekommen, Genehmigungen für die Vermietung und dergleichen mehr. Und jedesmal läuft man von einer Instanz zur anderen, fährt womöglich mehrfach in die Provinzhauptstadt, trifft hier auf einen Beamten, der nicht durchblickt und dort auf einen, der unwillig ist. Es ist fürchterlich."

Volkers Probleme sind manchmal nervenaufreibend, aber nicht wirklich tiefgreifend. Aussteiger-Idylle, die große Ausnahme, ein Beweis dafür, daß das Glück in der Toskana liegt? Die Toskana, heute ein Einwanderungsland par excellence, zählt so verschiedenartige Neusiedler, daß sich kein 'typisches' Beispiel finden läßt. Das Spektrum reicht vom schwerreichen Mailänder Industriellen, der sich Weinberge im Chianti kauft, bis zu den alternativen Aufsteigern auf dem abgelegenen Hof im Apennin ohne fließendes Wasser und Strom. Allgemeine Thesen werden da notwendig falsch und schon zwischen zwei benachbarten Bauernhöfen liegen, sozial und menschlich gesehen, möglicherweise ganze Welten.

(vgl. auch Volterra, 'Gute Adressen': Podere San Lorenzo)

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